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Leseprobe 1
Aus dem Hauptkrater stieg eine schwarze Staubwolke auf. Sie quoll mehr und mehr in die
Höhe. Im Zentrum schossen neue Wolken mit größerer Geschwindigkeit durch die ersten
Anwallungen, und es baute sich nach und nach eine immer höhere Säule aus Asche,
Lavafetzen und Wasserdampf auf. Aus den unteren, fast schwarzen Wolkenklumpen flogen
große Blöcke und landeten auf dem tieferen Abhang in der Asche. Dort rissen sie wie
Kanonenkugeln lang gezogene Löcher und rollten weiter, bis sie den Schwung verloren
hatten.
»Alles in Deckung!«, schrien alle wild durcheinander.
Die Alarmsirenen gingen los.
»Nehmt mich mit!«, brüllte der Sprengmeister in Panik. »Das könnte
ganz schlimm werden.«
Die Geologen und Vulkanologen hatten die Arbeitsteams in
Vorbereitungskursen mit den Gefahren des Vulkans vertraut gemacht. Alle wussten, dass man
sich vor einer hohen Eruptionssäule besonders in Acht nehmen musste.
»Der Schwung, mit dem die Teilchen in die Luft geschleudert werden,
lässt irgendwann nach, und dann dreht sich die Bewegung um. Von diesem Moment an sackt
die Säule in sich zusammen«, hatte Röttgen eindringlich dem Heer der Arbeiter und
Helfer erklärt. »Die Masse fließt wie zu Beginn im Brohltal als Glutlawine den Hang
hinunter und überrollt alles, was im Wege steht. Besonders gefährlich ist die heiße
Luft, die noch weit außerhalb des Stromes die Lungen verglüht und zum Erstickungstod
führen kann.«
Der Glutwolkenstrom wälzte sich nach Norden in Richtung Rheintal. Seine
Hauptmasse drang etwas oberhalb der Werth in das Flussbett vor und bewegte sich weiter
flussabwärts. Das Wasser, das durch die Kanalisation gedrückt wurde, hatte einen kleinen
Bach im fast ausgetrockneten Rheinbett gebildet. Aber es war genug, um beim Kontakt mit
der heißen Masse zu Dampf zu explodieren.
Schnell wurde deutlich, dass die Sprengung den meisten Arbeitern das
Leben gerettet hatte. Sie waren rechtzeitig in die aufgestellten Sicherheitsunterkünfte
geflüchtet, die sie kurz nach der Sprengung verlassen wollten. Auch die Gruppe der Fahrer
für das Tunnelprojekt hatte mit ihren Fahrzeugen weit genug vom Strom fliehen können.
Die irrtümliche Flucht nach der Sprengung hatte ihnen den entscheidenden Vorsprung
verschafft.
Nur im Unterlauf des Stromes konnten viele die Gefahr nicht früh genug
erkennen. In den Unterständen aus Stahl, die nur vor Steinschlag schützen, wurden sie
regelrecht verkohlt. Die meisten Opfer waren unter den Pressevertretern zu beklagen. Sie
waren zahlreich zur ersten großen Sprengung angereist und hatten sich in vermeintlich
sicherem Abstand unten am Rhein in Stellung gebracht.
Der Glutwolkenstrom kam erst in Höhe der Ortschaft Brohl zur Ruhe. Die
Aschewolken waren die Hänge und kleinen Seitentäler emporgequollen und hatten eine Spur
der Verwüstung hinterlassen. Ein Großteil der Häuser in Hammerstein, am südlichen Rand
von Brohl und im rechtsrheinisch gelegenen Rheinbrohl fielen dem Feuer zum Opfer. Die
Bäume an den Hängen brannten, und über dem gesamten Gebiet schneite es schwarzgraue
Asche. Die Luft war kaum noch zu atmen. Schwefel und feinste Partikel drangen durch alle
Ritzen der Tücher, die sich die Helfer vor den Mund hielten.
Gerhard hielt sich mit dem Organisationsteam weit oberhalb der
Steilkante im sicheren Lagezentrum auf, als der Ausbruch kam. Die Vorwarnzeit der
geophysikalischen Messgeräte war zu knapp gewesen. Die Sprengung kurz vorher hatte die
Anzeichen für ein Aufbrechen des Vulkanschlotes vollständig überlagert. Vielleicht war
die Sprengung sogar der Anstoß für den Ausbruch gewesen.
»Wir müssen zu unseren Leuten auf der Werth«, sagte Horstkotte, der
Leiter der Baumaßnahmen besorgt zu Berger, seinem Stellvertreter. »Schauen Sie zuerst
nach, was aus ihnen geworden ist.«
»Ich komme mit! Hier kann ich jetzt nicht viel helfen«, rief Gerhard
und folgte Berger.
Im Hintergrund liefen die Telefone heiß. Von oberster Stelle wurde eine
Lagebesprechung mit allen Leitern der Hilfsorganisationen einberufen. Horstkotte sollte
sofort einen Bericht über die Situation an der Baustelle abgeben.
Schon von weitem sah Gerhard die Fahrer von der Werth hinter dem
Felsvorsprung am Rand der Hauptterrasse stehen.
»Gott sei Dank! Die sind wenigstens da unten rausgekommen«, sagte
Berger erleichtert zu Gerhard.
Sie wussten noch nicht, welcher Umstand dazu geführt hatte.
Berger musste immer wieder die Gesteinsmassen umfahren, die von der
Sprengung weit verstreut worden waren. Endlich hatten sie den Trupp erreicht.
»Bin ich froh, Sie hier zu sehen! Wo sind denn die anderen?«,
begrüßte Gerhard die Mannschaft. Er hatte ein schlechtes Gefühl, schon seit Anstich des
Tunnels. Ihm war bewusst, dass seine Nerven bei jedem Vorfall sofort blank liegen würden.
»Mann, haben wir die Schnauze voll!«, raunzte der Fahrer aus dem
Radlader die beiden an. »Erst dieser Schreck mit der Sprengung, die wir erst mitgekriegt
haben, als es schon rummste. Und dann so was!« Er deutete mit dem Daumen über die
Schulter ins Tal.
»Aber letztlich war es gut, dass wir das mit der Sprengung nicht
wussten«, warf sein Kollege ein, der immer noch ganz bleich war. »Sonst würden wir
nämlich da unten festsitzen. Als Backobst, genauso wie die anderen.«
»Hat es die erwischt?«, fragte Gerhard bestürzt.
»Wissen wir nicht. Die sind nach dem Schreck mit der Sprengung in den
Container gerannt. Die haben bis jetzt nicht gerafft, dass das von euch kam. Und dann
haben wir von hier oben gesehen, wie ein Teil von diesem Glutzeug in Richtung unserer
Baustelle abgebogen ist.«
»Schnell!«, rief Berger. »Unsere Jungs sitzen da unten in der
Scheiße. Los Leute, wir brauchen eure Radlader!«
Der Blick zum Vulkan ließ hoffen, dass das Schlimmste vorbei war. Nur
ab und zu waren kleinere Ascheeruptionen zu sehen. Gemeinsam fuhren sie ins Tal, bis zum
Punkt, wo sie die Stahlseile vermuteten. Die Asche lag hier so hoch, dass sie fast an
Winter und frischen Schneefall erinnerte, allerdings in der grauen Version. Tiefer im Tal
ging die Aschenlage in den Glutwolkenstrom über, der an der gewellten Oberfläche zu
erkennen war. Der Container schaute noch zur Hälfte aus der Asche heraus. Weiter
stromabwärts dampften die abgelagerten Massen in viel größerer Mächtigkeit vor sich
hin. Immer wieder rissen Wasserdampfexplosionen Krater in der Aschedecke auf. Berger
hantierte mit einem Funkgerät und versuchte den Container zu erreichen.
»Was ist mit der Verbindung?«, fragte Gerhard.
»Die ist tot!«
»Ich glaube, wenn der Container weiter unten stehen würde, müssten
wir gar nicht erst versuchen, sie rauszuholen«, sagte Gerhard. »Aber so hatten sie eine
gute Überlebenschance.«
Nach kurzer Suche hatten sie die zwei Seile gefunden und an den Ladern
befestigt.
»Jetzt fahrt mir bloß langsam an, damit die sich keinen dritten
Herzinfarkt holen!«, wies Berger die beiden Fahrer an. »Zuerst zieht ihr einmal straff,
dann geben wir mit Schlägen auf das Seil ein Signal, damit sie Bescheid wissen.«
Langsam setzten sich die Radlader in Bewegung. Wie aus einem
Schlammteich tauchten die Seile beim Anspannen aus der Asche auf. Sie hinterließen eine
schnurgerade Spur in der lockeren Masse. Mit einem großen Schraubenschlüssel hämmerte
Berger auf das vordere Seil zwei Takte Walzer.
»Das kann nicht vom Steinschlag kommen«, sagte er grinsend. »Das ist
Musik!«
»Moment!«, schrie jemand von weiter oben. »Wir müssen das
festhalten, für den Rest der Bevölkerung!« In einer großen Staubwolke kam ein
Kameramann den Weg heruntergesprintet und baute sich neben Gerhard auf.
»Wie wollen Sie das den Insassen da unten im Römertopf klar machen?«,
ärgerte sich Gerhard und gab ein Zeichen, dass es losgehen konnte.
Die Reifen der Lader drehten kurz auf dem lockeren Untergrund durch.
Dann griffen sie. Der Container neigte sich langsam in Richtung der Seile.
»Gleich legt er sich auf die Seite. Die täten jetzt gut daran, wenn
sie einen Schritt in die richtige Richtung machen.« Gerhard stellte sich vor, er wäre
dort unten gefangen.
»Leute, geht zur Seite! Wenn das Seil reißt, gibt es hier Tote!«,
brüllte Berger die Neugierigen und Helfer an, die zum Schauplatz geströmt waren. |
 Leseprobe 2
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